Bernhard Roetzel über Stofftaschentücher

Bernhard RoetzelWenn man früher Unterhosen diskret als die „Unaussprechlichen“ bezeichnete, so erinnert dies ein wenig an die Schwierigkeiten, die wir mit dem Stofftaschentuch haben. Im Gegensatz zum Einstecktuch, das der Zierde dient, erfüllt das Taschentuch einen so wichtigen wie schwer in gefällige Worte zu fassenden Dienst an der Reinlichkeit. Das Wort Taschentuch besagt nichts darüber, in welcher Form dieser Dienst geleistet wird, es beschreibt nur, wo man es zwischen den Einsätzen aufbewahrt. Direkter sagt es der Terminus Schnupftuch, denn man schnäuzt die Nase in das Taschentuch.Auf Englisch werden Taschentuch und Einstecktuch oder vielmehr die dafür verwendeten Stoffe folgendermaßen mit Hilfe eines simplen Versleins differenziert: „Cotton’s for blowing, silk’s for showing“. Das heißt so viel wie „Baumwolle zum ausschnauben, Seide zum Vorzeigen“. Das sagt einiges, wenn nicht alles aus. Baumwolle ist das Material für das nützliche Taschentuch. Anstelle von Baumwolle kann auch Leinen verwendet werden.

Leinen war in Europa bis in das frühe 19. Jahrhundert die vorherrschende weil heimische Stoffart. Heute ist feines Leinen besonders selten und damit exklusiv.

Aus Seide werden die Tücher gefertigt, die als schmückendes Accessoire dienen. Als Einstecktuch für den Herrn oder als Seidencarré für die Dame.

Die Historie der nützlichen und zierenden Tücher reicht weit zurück und sie umfasst Sozial- und Modegeschichte. So gab es in der römischen Antike das „Sudarium“, ein den Vornehmen vorbehaltenes, luxuriöses Schweißtuch. Oder das „Orarium“, ein Mundtuch, das zunächst die Menschen als Mehrzwecktextilie begleitete und dann bei den ersten Christen als Gebetstuch verwendet wurde. Oder die „Mappa“, eine Kombination aus Serviette, Einschlagtüchlein und kleinem Tafeltuch. „Mappa“ und „Orarium“ fanden Eingang in christliche Zeremonien, das Schweißtuch entwickelte sich dagegen eher zu einem Vorläufer des Schnupftuchs. Seit dem 15. Jahrhundert wurden die verschiedenen Tücher der Antike von vornehmen Patriziern im Zuge der Sittenverfeinerung Teil der Bekleidungskultur fortentwickelt. Wäschelisten zählen Schweißtücher, Nasentücher, Halstücher und Ziertücher auf. Diese Aufzählung enthält die auch heute noch bei Damen und Herren vorzufindenden Varianten, also Pochette (oder Strecktuch) sowie die verschiedenen Varianten von Tüchern und Schals.

Im 18. Jahrhundert wurden Taschentücher enorm populär. Sie wurden mit Hilfe gravierter Kupferdruckplatten günstig produziert und in großer Zahl unter das Volk gebracht. Die Farben dieser Tücher waren allerdings noch nicht waschecht, deshalb dienten diese „Sacktücher“ vorwiegend als Accessoire. Man trug sie um den Hals, ließ sie aus der Rocktasche hervorsehen oder tauschte sie unter Liebenden aus. Im 19. Jahrhundert lieferte die chemische Industrie endlich waschfeste Farben, was zur Ausbreitung grell gefärbter Textilien führte. Sie wurden bei Freunden des Schnupftabaks als so genannter „Nasenlumpen“ populär, entweder in Rot oder mit Karos. Weiße Leinen- oder Baumwolltücher waren weiterhin als Taschentuch üblich, da sie kochfest waren. Im zwanzigsten Jahrhundert gab es kochfeste Tücher in allen Farben, weiße Taschentücher gelten dennoch immer als die förmlichste Wahl zum festlichen Anlass.

Bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts war das Stofftaschentuch allgegenwärtig. Kein Textilfachgeschäft, kein Kaufhaus, kein Wäscheladen, der nicht eine große Auswahl davon bereithielt. Es gab sie mit kindgerechten Motiven für die Kleinen, in gedeckten Tönen und mit dezenten Dessins für den Alltagseinsatz des Herrn, mit Spitzen verziert für die ältere Dame und mit großen Karos für die Tasche des arbeitenden Menschen oder Wanderers. Taschentücher waren zu Geburtstagen oder unter dem Weihnachtsbaum bei Jungs genauso „beliebt“ wie Strümpfe oder Unterwäsche. Und viele Hausfrauen bestickten die Taschentücher ihrer Gatten mit deren Initialen. Die Taschentücher waren auf den Wäscheleinen präsent und nahmen einen großen Platz in der Bügelwäsche ein. Nicht nur deshalb wurde das Papiertaschentuch freudig aufgenommen, als es verstärkt im Handel auftauchte. Es galt als hygienisch einwandfrei und war ein Wegwerfartikel, somit hatte es gegenüber dem bis dahin üblichen Taschentuch gleich zwei Vorteile. Das Stofftaschentuch stand plötzlich als unpraktisch, altmodisch, spießig und unappetitlich dar. Wozu noch waschen und bügeln, wenn man einfach ein blendend weißes Zellstofftuch aus dem Paket ziehen kann?

Das Stofftaschentuch wurde zum Nischenprodukt, es starb dennoch nie vollständig aus.

Darin erinnert es an den Hut, den Regenschirm oder den feinen Handschuh. Anscheinend gab es weiterhin Menschen, die Stofftaschentücher kauften und benutzten. Die Konsumenten hatten dafür ganz unterschiedliche Motive für ihre Treue. Bei den einen war es Gewohnheit, bei anderen die Freude am scheinbaren Anachronismus, wieder andere dachten an die Umwelt. Man kann viele Argumente für die eine wie die andere Taschentuchvariante ins Feld führen. Man mag es als Verschwendung empfinden, ein Taschentuch für den einmaligen Gebrauch zu produzieren und es dann teuer zu entsorgen. Man kann es genauso als Verschwendung von Energie sehen, ein Tuch zu waschen und zu bügeln. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Das gilt auch für den Hygieneaspekt. Was spricht gegen ein regelmäßig gewechseltes Stofftaschentuch? Was spricht für Papiertaschentücher, die über Tage benutzt und zerknüllt in der Hosentasche stecken?

Doch wer entscheidet beim Kauf schon rein nach rationalen Argumenten? Genauso wenig, wie man sachlich zwischen Maßanzug und Stangenanzug, praktischem Auto und luxuriösem Auto, handgerollter oder maschinell fabrizierter Zigarre abwägt, vielmehr nach Gefühl sich für das eine oder das andere entscheidet, wählt man das Taschentuch nach rein sachlichen Kriterien. Wer das Stofftaschentuch vielleicht nur aus Filmen, Erzählungen oder Romanen kennt, aus Geschichten, in denen ein Held sich geräuschvoll in sein kariertes Sacktuch schnäuzt oder aus Filmszenen, in denen ein feiner Herr sein weißes Taschentuch auf der Sitzfläche eines Stuhls ausbreitet, auf die sich eine Dame setzen soll, der wird es vielleicht mit ganz neuen Augen betrachten. Mag sein, dass man es in seiner Kindheit nicht gemocht hat, wenn man als einziger noch ein Stofftaschentuch mit auf die Klassenfahrt nehmen musste, während die anderen schon Tempos dabei hatten. Vielleicht möchte man heute dennoch in der Tasche seines Schneideranzugs lieber ein Schnupftuch aus feinster Baumwolle mit handrollierter Kante mit sich führen. Wie viel schöner ist es, so ein Tuch herauszuziehen, als das in Folie verpackte Zellstofftuch.

Stofftaschentücher gibt es in einer genauso so großen Auswahl und Bandbreite von Qualitäten wie alle anderen Textilen auch. Es gibt einfachste Discounterware aus billigsten Baumwollstoffen, mit schnell genähtem Saum. Bunt bedruckte Bandanas in diversen Farben, die genauso gut als Kopftuch oder Halsschmuck dienen könnten. Und als Krönung Tücher aus feinster Baumwolle oder feinstem Leinen, deren Kante von Hand umsäumt wurden. Ob nun aus Schweizer Batist oder Voile oder aus hochwertigstem irischem Leinen, feine Taschentücher können bei der Stoffqualität mit dem besten Hemden aufnehmen. Und was für einen guten Hemdenstoff gilt, hat auch beim Taschentuch Gültigkeit.

Es kommt auf Farbechtheit an, auf garngefärbte Vollzwirnqualität.

Auf minimales Krumpfen, also Einlaufen der Stoffe beim Waschen und Bügeln. Auf dauerhafte und saubere Ränder, im besten Fall durch eine handrollierte Kante. Auch die Pflege der Tücher ähnelt der Praxis beim Hemd. Allerdings empfiehlt sich beim Taschentuch der Kochwaschgang, anschließend wird es noch gebügelt. Früher diente das Plätten auch dazu, verbliebene Keime abzutöten. Das erübrigt sich nach dem Waschen in der Maschine, ein glatt gebügeltes Taschentuch ist vor allem ein ästhetisches Vergnügen, vergleichbar der Bügelfalte des Beinkleids. Für genau den Moment, in dem das Tuch hervorgezogen wird und wunderbar glatt und einladend in der Hand liegt. Dass dieser Moment schnell vergeht, ändert nichts an dem Vergnügen daran.

Über Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel ist Autor und ein international anerkannter Stilexperte. Sein Buch „Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode“ wurde seit dem Erscheinen der Erstausgabe im Jahr 1999 in 18 Sprachen übersetzt. Unter Kennern gilt das Buch als „Einstiegsdroge“ in die Welt der klassischen Herrenkleidung. Mit „Die Lady“ folgte das Pendant für die Dame.

In den vergangenen Jahren erschienen weitere Bücher wie der „Schuh Guide für Männer„, der „Mode Guide für Männer„, sowie „Der Gentleman nach Maß„.

Der gebürtige Hannoveraner lebt heute in Berlin und widmet sich neben seinen Tätigkeiten als Autor und Redner ganz besonders seiner Familie.